Ein Monat Lettland – klingt nach einer ziemlich eintönigen Angelegenheit – und ehrlich gesagt ist es das auch, wenn man nur an Riga und die typischen Sehenswürdigkeiten denkt. Diese kann man eigentlich in ein paar wenigen Tagen sehen und kennen lernen. Begibt man sich aber aufs Land und hat Kontakt mit der Bevölkerung, sieht man Dinge, die nur wenige Touristen finden oder sehen.

Helm an Helm und viele Körbe

Wir haben in den ersten Tagen bei Santas Schwester gelebt und wurden regelrecht mitgerissen von ihrer Abenteuerlustigkeit. So ging es für uns auf eine offene Go-Kart Rennstrecke – die Beste, die ich je gefahren bin. Der Parcours der 333 (http://www.333.lv/en/go-karts) ist anders als alles was du vorher eventuell mal in Deutschland fahren durftest. Hier heißt es Vollgas bis zum Anschlag, offene Kurven ohne Begrenzung am Rand und 650 Meter Streckenlänge. Hier haben wir uns richtig ausgetobt und Santa hat die Strecke für sich neu definiert.

Am nächsten Tag ging es dann zu Lettlands zweit liebster Sportart – Basketball. Im Gegensatz zu Deutschland interessiert sich hier der Großteil der Bevölkerung kein Stück für Fußball sondern ist ganz wild auf Eishockey und Basketball. Wir durften diese Euphorie und Leidenschaft live in der Arena bei einem Spiel gegen die Tschechien miterleben. Das Lettland bei dieser EM (2017) im Viertelfinale ausgeschieden ist, hat einige schwer getroffen.

Hier wird noch richtig gearbeitet

Nachdem wir dann noch ein paar Restaurants besucht und getestet haben, ging es für uns raus aufs Land, und hier wurde es erst richtig spannend. Wir lebten bei Santas Eltern, die einen riesigen Garten und Felder in der Nähe vom Haus haben. Hier gab es immer was zu tun. Und so durften wir dabei helfen Bäume zu stutzen, Äpfel zu pflücken, Traktor zu fahren, einen Weg zu verlegen, Bohnen zu schälen, Kartoffeln zu ernten und das Beste, diese auch zu essen. Überhaupt gab es so viel Essen aus diesem Garten für uns, dass wir schon Angst bekamen. Alles war frisch und selbst angebaut. Ein Traum.

Der alte Mann und das Stroh

Ein ganz besonderer Moment ergab sich für mich als ich mit Santas Vater einen benachbarten Bauern besuchen fuhr. Ich wusste nicht was wir dort sollten oder wer der Mann war, aber das war auch nicht so wichtig, war es doch wieder ein Moment an den man lange denken wird. Wir kamen dort an, und es war als wäre die Zeit schon lange nicht mehr hier gewesen. Traktoren aus russischer Produktion sind in Lettland keine Seltenheit. Aber hier standen Traktoren aus den 30er Jahren – Maschinen die der Rost bisher zwar schwer mitgenommen aber noch nicht völlig geschafft hat. Holzhütten die voll mit Werkzeugen und Eisenteilen waren und ein angeketteter Hund, der uns am liebsten an die Gurgel wollte.

Wir sind dann zum Feld gelaufen und sahen am Horizont in der untergehenden Sonne diesen einsamen Mann neben seinem uralten Traktor stehen, der Stroh mühsam mit seiner Heugabel auf den Anhänger warf. Das Stroh wurde immer wieder vom Wind runtergerissen und spielte in der Sonne umher. Ein toller Moment. Wir stellten uns vor und er war recht angetan davon, dass ein Deutscher den Weg hier raus zu ihm findet. Mir fiel dabei auf, dass er drei Finger verloren hatte – dies ist ihm wohl erst vor ein paar Jahren beim Holzschleifen an der Maschine passiert. Wir übergaben ihm einen Sack mit Weizenkörnern, die wir am Tag zuvor aus einem Mähdrescher holten um diesen zu reinigen. Danach fuhren wir wieder zu unserem Feld und vergaßen den Mann wieder – doch die Bilder blieben mir länger im Kopf.

Einfach mal nichts tun

Wir arbeiteten hier in Lettland zwar fast täglich draußen auf dem Feld und im Garten, aber wir empfanden dies als Befreiung von unseren alten Jobs im Büro – wir taten etwas und sahen die direkte Auswirkung unserer Arbeit. Es war entspannend und eine tolle Abwechslung zu gleich. Wir realisierten hier erst richtig, dass unsere Reise beginnt und das wir nun tun und lassen können was wir wollten. An einem Dienstag – also mitten in der Arbeitswoche – schnappten wir uns die Räder, fuhren an einen See und schaukelten einfach mal ein bisschen.

Die Stille im Moor

Wir besuchten dann noch eines der größten Moore Lettlands und liefen auf einem Holzstieg durch die Sümpfe. Eine völlig andere Welt abseits der Großstadt liegt hier in den Wäldern vor Riga. Buntes Gras, viele Tiere und absolute Ruhe ständig das weiche Gefühl der nachgebenden Balken die hier in das Moor gelegt worden und auf denen man sich nun sicheren Fußes fort bewegen kann.

Wir erlebten also jeden Tag etwas anderes, und Lettland war keineswegs so langweilig, wie es auf den ersten Blick vielleicht schien – im Gegenteil – wir waren sogar etwas traurig als dies alles am Flughafen in Richtung Moskau ein Ende nahm.

Wenn ihr etwas ähnliches erleben wollt, dann fahrt mal raus aufs Land zu den Bauern, hier gibt es immer was zu tun und die Leute freuen sich über jede helfende Hand.

Abschließend noch ein paar Eindrücke in Form eines kleinen Videos – viel Spaß damit: